Robinsons Tiere

Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass Robinson Crusoe allein auf seiner Insel war. Oft wird übersehen, dass Robinsons ‚kleine Familie‘ aus seinem Hund und zwei Katzen besteht. Neben den Haustieren beherbergt die Insel aber auch weitere bekannte und exotische Tiere, von denen die einen für Crusoe überlebensnotwendig sind, die anderen hingegen sein Überleben bedrohen. Diese Tiere sind in der Geschichte allgegenwärtig und werden dem Leser in den zahlreichen Ausgaben Robinson Crusoes und den vielen Illustrationen immer wieder vor Augen geführt, etwa auf Titelbildern oder auf Buchrücken.

Es ist vielleicht wenig überraschend, dass diese Illustrationen oft Nutztiere darstellen, aber auch tierische Gefährten wie etwa den Papagei, welchen Crusoe „gefangen und gelehrt [hat], ihn bei seinem Namen zu rufen“ (Little Crusoe, 1841, 88). Die Tiere sind für sein psychologisches Wohlbefinden und letztlich für sein Überleben unerlässlich – manche als Gesellschaft, andere als Nahrungsquelle.

Manchmal führt das eine zum anderen, wie etwa als Robinson ein Zicklein mit einem gebrochenen Bein pflegt: „Ich liess ihm so gute Pflege zukommen, dass es überlebte und so stark wurde wie zuvor; doch dadurch, dass ich es so lange gepflegt hatte, wurde es ganz zahm, und graste auf der kleinen Wiese vor meiner Tür, und wollte mich nicht mehr verlassen. Dies war das erste Mal, dass ich den Gedanken hegte, ein paar zahme Kreaturen zu züchten, damit ich etwas zu essen hätte, wenn mein Pulver und meine Schrotflinte aufgebraucht wären.“ (Robinson Crusoe, 113)

Tiere spielen auch eine große Rolle in der kleinsten Sammlung der Robinson-Bibliothek: Litte Robinson Crusoe (1841) ist ein Miniaturbuch, das nur 7,5 x 6 cm misst und in einer kleinen Kassette neben einer Ausgabe von Äsops Fabeln und zoologischen Lehrbüchern über Tiere zu finden ist. Man kann sich vorstellen, wie ein britisches Kind, wenn es von Robinsons Begegnung mit einem Löwen liest, zu seinem Little Book of Foreign Animals (1840) greift, um die Beschreibung des Tieres zu lesen. Tiere werden in diesen Ausgaben als unterhaltsames und lehrreiches Mittel für junge Leser eingesetzt.

„Während sie an diesem wilden Ufer umherstreiften, bot sich ihnen unerwartet ein schrecklicher Anblick – es war ein großer Löwe, der fest schlief! Glücklicherweise hatte Robinson sein Gewehr dabei, mit dem er den Löwen erschoss. Sie liefen zu ihm hin, zogen ihm das Fell ab und kehrten mit diesem zu ihrem Boot zurück.“

(Little Robinson Crusoe, 31)

In vielen Adaptionen von Robinson Crusoe sind auch weniger bekannte Tiere abgebildet. In einer Ausgabe des Schweizerischen Robinson aus dem Jahr 1902 beispielsweise klassifiziert die Familie die Tiere auf der Insel, hat aber Schwierigkeiten, ein Känguru zu identifizieren, dessen Aussehen sie an andere Tierarten erinnert. Erst als sie sich an die Reiseerzählung des berühmten britischen Entdeckers Captain James Cook erinnern, können sie das Gesehene in einen vertrauten Bezugsrahmen einordnen und so das Tier identifizieren. Die Adaption spielt mit Fremdheit und Vertrautheit als didaktische Mittel zur Einführung in die Zoologie. Auch Joachim Heinrich Campes Robinsonade Robinson der Jüngere aus dem 18. Jahrhundert (1779; englische Übersetzung 1855) hatte das Ziel, den jungen Lesern so viel Naturwissen wie möglich beizubringen. Infolgedessen wurden Lamas durch Ziegen ersetzt. Durch ihren Fokus auf unbekannte Tiere spiegeln diese Ausgaben Crusoes Erfahrungen auf der Insel wider, auf der er ‚exotischen‘ Tieren begegnete und zähmte.

In manchen Adaptionen übernehmen Tiere Rollen, die ursprünglich nicht in Defoes Robinson Crusoe enthalten waren, oder ersetzen manchmal sogar dessen Figuren. In Beatrix Potters Kinderbuch The Tale of Little Pig Robinson (1930) zum Beispiel ist die Hauptfigur ein kleines Schwein. Auf dem Weg zum Markt wird Schweinchen Robinson von einem Schiffskoch entführt, der das naive Ferkel mit einer List dazu bringt, zu See zu fahren. An Bord wird Robinson gemästet und droht im Kochtopf zu landen – kann aber gerade noch rechtzeitig mit einem Boot entkommen und landet auf einer paradiesischen Insel, die „der von Crusoe sehr ähnlich ist, nur ohne ihre Nachteile” (111).

Dieses Robinson-Märchen wurde inspiriert von Edward Lears Gedicht The Owl and the Pussy-cat (1871), in welchem eine Eule und eine Katze auf eine Insel reisen und dort ein Schwein antreffen. Potters Erzähler berichtet, dass ihr tierischer Robinson direkt aus Lears Gedicht stammt. Doch ändert Potter Aspekte von Defoes Roman, um dem anthropomorphen Charakter des nicht-menschlichen Protagonisten gerecht zu werden. Während Defoes Crusoe autark und zielstrebig lebt, ist ihr Schwein abhängig, bedürftig und kann kaum selbstständig überleben. Potters Geschichte macht sich also die Spannung zwischen den anthropomorphen und den tierischen Aspekten dieser Figuren zunutze. Dies kommt insbesondere in ihren Illustrationen zum Ausdruck: In einigen verhalten sich die Tiere wie Menschen, während sie in anderen nackt und stumm sind und auf allen Vieren laufen.

ieser Kontrast erzeugt einen humorvollen und manchmal sogar herausfordernden Unterton, der die Koexistenz von Tieren und Menschen, sowie insbesondere den Fleischkonsum hinterfragt. Wenn Sie jetzt noch mehr über die Abenteuer von Little Pig Crusoe und diese Illustrationen erfahren möchten, müssen Sie ihn natürlich im Archiv besuchen…

Text: Olivia Conroy
Übersetzung: Timothy Holden

Quellen:

  • Campe, Joachim Heinrich. Robinson Der Jüngere. Konstanz: Buch- und Kunstverlag Carl Hirsch, A.G., 1925.
  • Child, Isabella, W. May, and C. Williams. The Little Robinson Crusoe; The Little Esop. London: Tilt & Bogue, 1841.
  • Potter, Beatrix. The Tale of Little Pig Robinson. London: F. Warne & Co., 1930.
  • Wyss, Johann David, and Johann Rudolf Wyss. The Swiss Family Robinson. London: Nelson, 1902.