Ein Grund für die enorme Beliebtheit von Robinson Crusoe sind sicher die reich bebilderten Ausgaben und Nacherzählungen für junge Leserinnen und Leser. Auf den Buchrücken und Vorderseiten sind oft wiedererkennbare Figuren oder Momente aus dem Roman abgebildet, und im Text findet man lebhaft ausgemalte Szenen voller Farben und Details. Die Publikationsgeschichte von Robinson Crusoe und seinen Adaptationen ist eine faszinierende Reise durch die Geschichte der Buchillustration.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Der Schweizerische Robinson von Johnathan David Wyss. Die Adaptation wurde 1812 als Antwort auf den weltweiten Erfolg Robinson Crusoes geschrieben und wurde in England, Frankreich und Deutschland schnell populär. Der Roman erzählt die Geschichte einer Schweizer Familie, die in Richtung Südpazifik aufbricht, um ein neues Leben zu beginnen. Ein gewaltiger Sturm zerstört ihr Schiff, bevor sie ihr Ziel erreichen, doch sie werden durch eine glückliche Fügung gerettet und finden sich auf einer einsamen Insel wieder. Dort koordinieren sie ihre fleißigen Bemühungen in der Bewirtschaftung der Insel, welche sie bald so liebgewonnen haben, dass sie die Insel „Neue Schweiz“ nennen. Einige Familienmitglieder beschließen schließlich, nach Europa zurückzukehren, aber die anderen blieben auf der Insel.
Die Geschichte hatte einen didaktischen Zweck und richtete sich an junge Leser, denn Teil ihres Reizes waren zweifellos die vielen farbenfrohen Illustrationen, welche von Ausgabe zu Ausgabe zahlreicher und fantasievoller wurden. Die frühen Ausgaben enthielten Illustrationen, die sich an realistische Konventionen hielten; damit spiegelten sie den realistischen literarischen Stil des Originalromans wider. Weil diese frühen Illustrationen Radierungen waren, konnten sie Licht und Schatten relativ wahrheitsgetreu darstellen und den Bildern zudem hohe Detailtreue und Tiefe verleihen. Die Original-Radierungen von Daniel D. Burgdorfer und Johann Heinrich Lips wurden vielfach reproduziert – bis ins 21. Jahrhundert hinein. Im späten 19. Jahrhundert kamen die ersten farbigen Illustrationen: zunächst waren es Kupferstiche, die mit Aquarellfarben übermalt wurden. Später wurden Radierungen überflüssig, woraufhin Künstler andere Medien und Materialien verwendeten.


Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs änderte sich der Stil der Abbildungen im Schweizerischen Robinson markant: Die Illustratoren verwarfen ihre traditionelle Darstellungsweise und begannen, sie familienfreundlicher darzustellen. Der Stil wurde einfacher, idealisierter und idyllischer. An die Stelle der realistischen Konvention traten Illustrationen, welche die Insel als einen freundlichen Ort darstellen sollten: die Farben sind hell und lebendig, die Bilder einladender, was sie vermutlich attraktiver für junge Leser machte. Während die Bilder immer noch ein Gefühl von Abenteuer vermitteln, ist nichts in dieser Welt problematisch oder gefährlich.


Zwei wichtige Themen tauchen in den verschiedenen Ausgaben des Schweizerischen Robinson in den letzten zwei Jahrhunderten immer wieder auf: die Darstellung der Natur und die Kultivierung der Insel. Die ersten Ausgaben aus dem frühen 19. Jahrhundert stellen die Flora und Fauna der Insel auf fast wissenschaftliche Weise da. Sie sind realistisch und geben typischerweise die Nomenklatur der abgebildeten Arten an.


Spätere Ausgaben sind fantasievoller in ihrer Darstellung und konzentrieren sich darauf, ein gewisses Gefühl von Abenteuer oder den Eindruck eines Mysteriums zu erwecken, welche in der Natur der Insel verankert sind. Das zweite, noch zentralere Thema, das in allen Ausgaben erkennbar ist, ist die Domestizierung der Insel. Schon die frühesten Illustrationen aus dem frühen 18. Jahrhundert zeigen die Familie Robinson als Kolonisatoren. Wir sehen Herren mit Zylinder und Handschuhen inmitten eines Dschungels: Robinson und seine Söhne werden auf diesen Illustrationen als wohlhabende Landbesitzer dargestellt, die dem typischen Zeitvertreib der englischen Gentry nachgehen, nämlich der Jagd in Begleitung von Hunden.

Spätere Ausgaben zeigen die Familie immer noch dabei, wie sie die Insel fleissig nach Wissenskategorien ordnen, doch ihre Beziehung zum Land hat sich verändert: Sie werden nun als Landbewohner dargestellt, die ein Leben mit einfachen Annehmlichkeiten führen und für die Arbeit eine ihrer Vergnügungen ist. Die Familie Robinson wird bei verschiedenen Aktivitäten gezeigt, die aus dem Originalroman bekannt sind: Sie jagen und fischen, stellen benötigte Werkzeuge her, bauen eine Brücke oder auch eine Leiter, um einen hohen Baum zu erklimmen, oder zähmen die Tiere der Insel.




Modernere Darstellungen zeigen die Familie als zeitgenössische Abenteurer: ihre Kleidung und ihre Aktivitäten sind ausgesprochen modern. Es wird keine Gewalt mehr gezeigt, und die Beziehung zur Insel und ihrer Natur wird auf unschuldigere Weise dargestellt. Obwohl diese Elemente also aus den Bildern verschwinden, sind sie aber weiterhin in den dazugehörigen Texten zu finden.


Text: Anna Lopata
Übersetzung: Timothy Holden
Quellen:
- Blewett, David. „The Iconic Crusoe: Illustrations and Images of Robinson Crusoe”. The Cambridge Companion to Robinson Crusoe, hg. von John Richetti. Cambridge: Cambridge University Press, 2018. 159–190.